RVR Rechtsanwälte Blog

Erbrecht bei Patchworkfamilien

Als ich ihr Schicksal hörte, dachte ich, das gibt`s doch gar nicht! Jetzt habe ich Vorsorge getroffen!

Ein ganz normaler Fall.

Wer kennt sie nicht aus dem Bekannten- und Freundeskreis, die „Patchworkfamilie“: Jeannette und Kevin sind beide geschieden, jeder hat ein Kind aus erster Ehe. Kevin bringt seinen 13-jährigen Sohn Tim, Janette ihre 10-jährige Tochter Lisa mit. Beide wollen einen zweiten Anlauf wagen, sie heiraten, die gemeinsame Tochter Maria wird geboren.

Ein ganz normaler Fall, der existenzbedrohende erbrechtliche Konsequenzen zur Folge haben kann, denn: ein Jahr nach der Geburt von Maria stirbt Kevin, ein Testament ist nicht vorhanden, die Eigentumswohnung ist der einzige Vermögenswert.

Bei Kevins Tod greift die gesetzliche Erbfolge ein mit gravierenden Konsequenzen:

Nach Kevins Tod erben Jeanette zu ½ und die gemeinsame Tochter Maria zu ¼. Doch auch Tim, Kevins minderjähriger Sohn aus erster Ehe, erbt gleichberechtigt neben Stiefmutter Jeanette und Stiefschwester Maria zu ¼. Jeder der drei Erben kann die Auseinandersetzung der entstandenen Erbengemeinschaft verlangen.

Der einzige Vermögenswert ist die finanzierte Eigentumswohnung, in der Jeanette und die Kinder wohnen, zum Eigenkapital hat auch Janette aus ihrem Erbe beigesteuert!

Jeanette flattert wenige Tage nach dem Begräbnis ein Schreiben des Anwalts von Annette, der Mutter von Tim in den Briefkasten. Annette vertritt ihren minderjährigen Sohn in finanziellen Angelegenheiten, mischt durch „die Hintertür“ in der Erbengemeinschaft mit: sie verlangt in Vertretung Ihres Sohnes die Auseinandersetzung der Erbengemeinschaft zum Zweck der Realisierung des Erbteils von Tim, alternativ Zahlung eines wie Janette meint, exorbitant hohen Betrages!

Dazu ist Jeanette nicht in der Lage. Die Wohnung stellt das einzige, darüber hinaus belastete Familienvermögen dar, das Jeanette eigentlich für die Kinder erhalten wollte. Annette sieht eine willkommene Gelegenheit, ihre offene Rechnung mit dem „Scheidungsgrund“ Jeanette begleichen zu können und betreibt die Zwangsversteigerung.

Ergebnis

Der erzielte Erlös deckt nur knapp die Schulden der Finanzierung, durch die „Vorfälligkeitsentschädigung“, die die Bank wegen vorzeitiger Rückführung des Darlehens geltend macht, sind weitere Gebühren im fünfstelligen Bereich offen.

Vom Erbe ist nichts mehr übrig, Jeanette und die Kinder „stehen auf der Straße“, von den weiteren Schulden, bedingt durch den Todesfall, abgesehen.

Um dies zu vermeiden hilft nur eins

Testamentarische Regelung der Erbfolge!

Um die Entstehung einer Erbengemeinschaft zu vermeiden hätte Kevin seinen ersten Sohn Tim testamentarisch von der Erbfolge ausschließen können. Auch Annette hätte dann nicht mehr in die Auseinandersetzung des Nachlasses hineinreden können.

Tim wäre einzig sein Pflichtteil in Höhe von 1/8 des Nachlasses verblieben. Die Auszahlung dieses Betrags kann Jeanette noch durch Aufnahme eines Kredits decken. Das Familienheim bleibt unangetastet.

Will Kevin dennoch etwas für Tim tun, kann er testamentarisch eine Reihe anderer Regelungen treffen: die Aussetzung eines Vermächtnisses, z.B. als Zuwendung eines bestimmten Vermögensgegenstands aus dem Nachlass (Wertvolle Kunstobjekte oder Sammlungen, ein bestimmter Geldbetrag, monatliche Rentenzahlungen bis zur Volljährigkeit etc.).

Fazit

Rechtzeitige Vorsorge hilft das Familienvermögen zu erhalten, die wirtschaftliche Existenz zu sichern und beugt Streit in der Familie vor. Lassen Sie sich rechtzeitig beraten!

Autor/in

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.

Weitere Blogbeiträge

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie regeln Ihren Nachlass in allen Einzelheiten, Sie geben sich jede denkbare Mühe, Ihren letzten Willen zu formulieren und möchten sichergehen, dass dieser Wille auch von allen Beteiligten respektiert wird.
Mit Blogbeitrag vom 11. August diesen Jahres hatte ich Ihnen bereits einen Überblick über die Möglichkeiten der Testamentsvollstreckung gegeben. Der nachfolgende Beitrag zeigt auf, wie unerfahrene oder böswillige Erben den Nachlass gefährden oder gar vernichten können.
Egal wie viel Mühe man sich mit seinem künftigen Nachlass gibt, wenn der Fall der Fälle eintritt, können Sie selbst die Erbauseinandersetzung nicht mehr überwachen. Die Lösung dieses Problems liegt in der Bestimmung eines Testamentsvollstreckers. Hierbei handelt es sich um eine sachkundige Person Ihres Vertrauens, die nach Ihrem Tod dafür Sorge trägt, dass Ihre Anordnungen fachgerecht umgesetzt werden. Der Testamentsvollstrecker hat die Aufgabe, Ihren Nachlass auseinanderzusetzen und, wenn erforderlich, zu verwalten.
Ein nicht seltenes Beispiel zeigt, dass der Vertragsgestalter sowohl das materielle Recht, als auch die steuerlichen Folgen der Schenkung im Auge haben muss.
Ein Ehepaar, beide vorgerückten Alters, hat eine abbezahlte Immobilie aber keine Erben oder nur entfernte Verwandte, die dafür nicht in Betracht kommen. Beide haben eine zwar auskömmliche Rente, die aber durchaus noch etwas üppiger ausfallen könnte.
Wie kann bei Erhalt der Substanz eines Einfamilienhauses, welches zum Wohnen genutzt wird, gleichwohl ein überschießender Wert für den Lebensunterhalt nutzbar gemacht werden.

Information

RVR Kanzlei für Familienrecht in Stuttgart

Auch die Dienstleistung unserer Kanzlei kann durch Corona beeinträchtigt werden. Sekretariat und Rechtsanwälte arbeiten zwar im Schichtdienst, dennoch ist nicht auszuschließen, dass wir kurzfristig an der Entgegennahme ihres Telefonats verhindert waren.

In diesem Fall bitten wir uns Ihren Namen, Ihr Anliegen sowie ihre Telekommunikationsdaten zu nennen, damit wir Sie umgehend zurückrufen können.

Unsere Vortragstätigkeit werden wir ungeachtet der Beeinträchtigungen durch das Virus weiter, wenngleich in anderem Format fortsetzen.

Aktuell finden die Vorträge nicht als Präsenzveranstaltung am vorgesehenen Vortragsort, sondern als online Vortrag statt.

Wenn Sie an einem Vortrag teilnehmen wollen, teilen Sie uns bitte das Vortragsthema, Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse mit, damit wir Ihnen Ihren Zugangslink über E-Mail mitteilen können.

Wir danken für Ihr Verständnis und hoffen, dass das geänderte Format Ihre Zustimmung findet, zumal Sie sich dadurch den Weg zum Vortragsort ersparen. Selbstverständlich ist vorgesehen, dass Sie sich an dem Vortrag wie gewohnt, interaktiv durch Rückfragen einbringen können. Wir freuen uns auf eine lebhafte Diskussion.

Vielen Dank für Ihr Verständnis
Ihre RVR Rechtsanwälte